Forschung
Meine Forschung liegt in der Korpuspragmatik und digitalen Linguistik sowie der Diskurs- und Soziolinguistik des Gegenwartsdeutschen. Ich arbeite kulturanalytisch, empirisch und mit digitalen Methoden.
Mich interessiert, wie in sprachlich-kommunikativer Praxis Wissen, Identität und kommunikative Normen hergestellt und verändert werden, und wie sich das unter digitalen Bedingungen beschreiben lässt. Digitalität verändert dabei beides: die Gegenstände der Sprachwissenschaft, von Webforen bis zur Interaktion mit Sprachmodellen, und die Verfahren, mit denen wir sie untersuchen.
Diskurs, Wissen, Gesellschaft
In meiner Dissertation habe ich untersucht, wie HIV/AIDS in der Deutschschweiz sprachlich konzeptualisiert wird, seit die Infektion behandelbar ist und aus der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwunden scheint. Daraus ist das Konzept der Diskurslatenz entstanden: eine Antwort auf die Frage, was mit Diskursen geschieht, wenn das öffentliche Interesse schwindet. Die Monographie dazu ist in Vorbereitung. Weitere Arbeiten gelten der Wikipedia, Verschwörungstheorien, der Protestkommunikation der 1980er-Jahre und der sprachlichen Konstruktion von Sexualität.
Postdigitale Schreibkulturen
Postdigital nenne ich Schreibkulturen, in denen digitale Werkzeuge und generative KI keine Ausnahme mehr sind, sondern Teil der Schreibumgebung. In meinem Habilitationsprojekt untersuche ich, wie sich darin Schreibpraktiken, Schreibprodukte und Vorstellungen vom Schreiben verändern, vor allem im schulischen und akademischen Schreiben. Ich lese das nicht als Bruch, sondern als Zuspitzung von Entwicklungen, die im digitalen Schreiben bereits angelegt sind. Ein Teil der Daten stammt aus partizipativen Projekten mit Schulen, in denen Schüler:innen und Lehrpersonen mitforschen.
Korpuspragmatik und digitale Methoden
Ich arbeite mit grossen, meist selbst aufgebauten Datensammlungen und verbinde quantitative Verfahren mit qualitativer Lektüre. Dabei frage ich immer auch, was ein Werkzeug mit den Daten macht und welche Befunde es erst hervorbringt. Aus dieser Haltung sind eigene Implementierungen korpuspragmatischer Verfahren und eine offene Toolbox für Analyse und Visualisierung entstanden. Aktuell beschäftigen mich multimodale Korpora, in denen Text und Bild zusammen gelesen werden müssen, und der Einsatz grosser Sprachmodelle als Analysewerkzeug.
Projekte
- Postdigitale Schreibkulturen – Habilitationsprojekt, Universität Zürich, seit 2024.
- Language Regimes of the Machine: Language Ideologies and Multilingual Practice under Generative AI – mit Naomi Truan (Leiden), gefördert durch das Global Funding Scheme der Universität Zürich, seit 2026. Das Projekt untersucht, wie mehrsprachige Sprecher:innen mit generativer KI umgehen: welche Praktiken, Erfahrungen und Sprachideologien sie in die Interaktion einbringen und was die Systeme mit ihrer Mehrsprachigkeit machen. Erste Aktivität ist der internationale Workshop Doing Multilingualism with Generative AI: Recentering the Users am 10. und 11. März 2027 in Zürich, Keynotes Bettina Migge (Dublin) und Anna Weichselbraun (Wien); ein Themenheft ist in Vorbereitung. Abstracts bis 30. Oktober 2026 an daniel.knuchel@ds.uzh.ch.
- Multimodale Korpuspragmatik: die Jugendzeitschrift Bravo als Testfall – Methodenprojekt im Rahmen der International Max Planck Research School for Multimodal Digital Humanities (Bibliotheca Hertziana, Rom), seit 2026. Im Zentrum stehen Fragen der Aufbereitung multimodaler Daten für kulturlinguistische Fragestellungen: Wie lassen sich Text, Bild und Layout so erschliessen, dass Sprache-Bild-Relationen korpuspragmatisch analysierbar werden, und was leisten Vision-Language-Modelle bei Segmentierung und Annotation im Vergleich zur manuellen Arbeit?
- Chatbots an der Schnittstelle von Sozialverwaltung und ihrem Publikum: Nutzbarmachung von Chatbot-Konversationen für die Forschung – wissenschaftliche Expertise im Auftrag des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen, Projektleitung Bettina M. Bock (Köln), Zürcher Anteil mit Xenia Bojarski, September 2026 bis Februar 2027. Die Expertise fragt, wie Daten von Chatverläufen zwischen Sozialverwaltungen, etwa Jobcentern, und Bürger:innen für die Forschung gewonnen und nutzbar gemacht werden können. Sie arbeitet den Stand der Datenpraxis auf, recherchiert bestehende Korpora und entwickelt eine Best-Practice-Leitlinie zum Handling von Chatbot-Daten samt Prototypenskizze. Der Zürcher Anteil umfasst Korpusaufbau, Aufbereitung und Dokumentation einschliesslich rechtlicher und forschungsethischer Fragen, die Kommunikation zwischen Menschen und sprachgenerierenden Systemen und den Workshop-Demonstrator.
- KI in der Lehre: Promising Practices in den Geistes- und Sozialwissenschaften – Projektkoordination, Universitäre Lehrförderung UZH, 2025–2027.
- SchrAIb-Tutor: Förderung akademischer Textkompetenzen in Zeiten von KI – Projektleitung, mit Elisabeth Zima, Universitäre Lehrförderung UZH (open_innovation), September 2026 bis Januar 2028. Eine modulare, öffentlich zugängliche Selbstlernumgebung, die Studierende entlang der sechs Phasen des wissenschaftlichen Schreibprozesses begleitet, vom Orientieren und Materialsammeln über Strukturieren, Rohfassung und Überarbeiten bis zum Editieren, und Schreibpraktiken wie Exzerpieren, Paraphrasieren, Zitieren und Argumentieren gezielt thematisiert. Generative KI wird in jeder Phase mitgedacht: Was kann ein Werkzeug hier leisten, wo liegen seine Grenzen, und welche Entscheidung muss bei der schreibenden Person bleiben? Externer Partner: Christian Rapp (ZHAW).
- Mit KI schreiben? Kann ich! – Citizen-Science-Projekt mit Gymnasiast:innen, Projektleitung, Citizen Science Zürich, 2024–2025.
- Kommunikation und (Nicht-)Wissen über HIV/AIDS – Dissertationsprojekt, gefördert durch ein Doc.CH-Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds und den Forschungskredit der Universität Zürich, 2015–2023.
- Forschungslogiken in den textbasierten Digital Humanities – SNF-Projekt im Verbund Digital Lives (Leitung Noah Bubenhofer), Koordination, 2018–2020.